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Information oder Infamie?
Leben mit Adipositas
Partnerschaft und Sex
Diätterror und Schlankheitsideal
Gesellschaftsprobleme

Information oder Infamie?

Schwer in Ordnung

Schwer in Ordnung
Sie sind die Sorgenkinder der Wohlstandsnationen - aber sie schämen sich nicht mehr: Über das neue Selbstbewusstsein der Dicken /
Von Hilmar Klute; SZ Nr. 54, 6./7.März 2010

Vor einigen Jahren fand in einem chinesischen Restaurant der englischen Stadt Hull eine eher trübe Geburtstagsfeier statt. Die Angestellten einer Firma, ungeübt im Geselligsein und im Herstellen sozialer Kontakte, gruppierten sich um die Jubilarin, die einen unfassbaren Leibesumfang besaß und von der Wucht ihrer Masse niedergedrückt dahockte. Als sie dann das Happy-Birthday-Lied anstimmten, stockten die Kollegen just an der Stelle, wo der Name des Geburtstagskindes eingeflochten werden muss - sie wussten einfach nicht, wie ihre Kollegin hieß. Die Textlücke füllte dann der grobe Firmenchef, indem er sang: „Happy birthday, dear fat bitch."
Bitch ist ein böses Wort und sollte eigentlich in der zivilisierten Welt unter keinen Umständen ausgesprochen werden. Allerdings ist es im vorliegenden Fall das Attribut fett, welches die ungeheuerliche Niedertracht des Lobgesangs rundet: Denn eine adipöse Frau kann nichts anderes sein als schlampig, ungepflegt und somit wert, verächtlich gemacht zu werden. Natürlich verstummten die anderen; natürlich weinte die dicke Frau.
Im fetten Menschen massieren sich gewissermaßen alle negativen Eigenschaften, die wir so fürchten, weil sie uns angeblich zur Wirkungslosigkeit verdammen: die Ungehemmtheit, die Faulheit und die Lasterhaftigkeit insgesamt. Der Fette ist der Gegenentwurf zur flinken Masse, zum effektiven schlanken Macher, und die Dicken haben - bis auf ein paar Ausnahmen - lange geglaubt, dass sie mit ihrer Umfänglichkeit komplett auf dem falschen Dampfer sind. Wenn dicke Menschen in die Medien kamen, dann zumeist als zerquälte Diät-Absolventen mit mehr oder minder großem Erfolg. Oder aber als groteske Phänomene extremer menschlicher Deformationen wie der 560 Kilogramm schwere Mexikaner Manuel Uribe, dessen Körperlichkeit sich in einer fließenden Fleisch-Fettmasse aufgelöst hat. Der fette Körper war der Körper im Katastrophenzustand -ungesund, unbeweglich, asexuell. Er musste überwunden werden, und der Sieg über ihn dokumentierte sich im Vor-her-nachher-Prinzip: Schlanke Frauen zogen lächelnd am unermesslich weiten Hosenbund, um zu zeigen, aus welch ungeheurer Ursprungsmasse sie sich geschält haben,. Aus der fetten Larve ist ein graziler Schmetterling geworden. Als Schlanke ist man auf der richtigen Seite. Seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts gilt das Schlanksein als unverhandelbarer Standard des individualisierten Mittelstands.
Aber seit geraumer Zeit scheint sich bei den Dicken doch etwas zu bewegen: Sie entwickeln ein neues Selbstbewusstsein. Die große Übermacht korpulenter Menschen in der Welt sorgt ja ohnehin schon dafür, dass sich die Gegebenheiten zunehmend den Dicken anpassen müssen. Designer entwickeln Barhocker für voluminöse Trinker, in den Krankenhäusern werden eigens stabilere Betten angeschafft und in Frechen bei Köln hat das erste Möbelhaus für Übergewichtige eröffnet, in welchem die punktelastische 5-Zonen-Tonnentaschenfederkernmatratze auf müde adipöse Körper wartet. Das Magazin big is beautiful bietet ohne den Hauch von Ironie Fashion-lines in XXL-Size, und die dicke junge Autorin und Fernsehfrau Tine Wittler markiert mit ihrem Internetportal prallewelt.com das Schönheitsideal für die Generation der dicken Dreißigjährigen.
Das Neue hieran ist: Die Dicken denken gar nicht mehr daran, ihre Vorstellung von Schönheit mit den Richtlinien der Schlanken abzugleichen. Sie setzen ihre eigenen Standards. Tine Wittler hat das Wort dick durch prall ersetzt, was eine wuchtige Dynamik erzeugt und eine erotische Konnotation mitliefert.


"Der Friseurberuf ist ein ästhetischer Beruf. Sie

In Doris Dörries neuem Film „Die Friseuse" stößt die ziemlich dicke Kathi König zwar auf die üblichen Vorurteile. Aber diese füllige Frau ist in der Lage, Schmähungen in Eigenmotivation zu verwandeln. Die Steilvorlage für die Transformation des bis dato geächteten Dickseins in eine neue, freche Lebensqualität liefert im Film ein Friseurmeisterin, die Kathi ihre Nichteinstellung wie folgt erläutert: „Der Friseurberuf ist ein ästhetischer Beruf. Sie sind nicht ästhetisch." -
Der Vorwurf, etwas sei nicht ästhetisch, zeigt natürlich, wie wenig die Friseurmeisterin von Systemtheorie versteht. Sonst wüsste sie, dass man alles irgendwie zur Ästhetik erklären kann, also selbstverständlich auch das Dicksein. Und so mag es Trotz sein oder Widerstandsgeist, jedenfalls feilen die Dicken dieser Welt wie verrückt an ihrem neuen ästhetischen Programm: Dicksein als eine autonome Lebensform, die zunächst einmal die Begleiterscheinungen, vor denen die Gesundheitsindustrie warnt, ausblendet: Infarktrisiko, Rückenleiden, Diabetes. Und die stattdessen für sich in Anspruch nimmt, ähnlich wie die Schlanken sexy, begehrenswert und powerful zu sein. Sie achten sogar darauf, dass selbst die eher positiven Attribute, die man früher mit dem Dicksein verband, keine Rolle mehr spielen: die Gemütlichkeit, die Gelassenheit und die resignative Ironie, die mit dem „Ich kann's eh nicht mehr ändern" ihre Rechtfertigung fand.
Allerdings: Die Welle der selbstbewussten Dicken rollt parallel zu den Gegenbewegungen der Schlanken, die ihre Klientel nicht an die anderen verlieren wollen. In Großbritannien ist die Sorge vorm Dickwerden bereits Staatsraison geworden. Es werden Junk-Food-Bannmeilen ausgewiesen; mobile Fish&Chips-Liefereranten dürfen nicht mehr an Schulen halten, und im US-Bundesstaat Mississippi dürfen Wirte Menschen mit einem BMI von mehr als 30 nicht mehr mit Essen bedienen. Der Aufklärungsunterricht, früher ein Begriff für die Einweisung in die Mysterien der Sexualität, bedeutet heute: Erläuterungen zur richtigen Ernährung und gegebenenfalls zur Diät, wenn das Kind in den Brunnen gefallen respektive, fett wie es ist, im Brunnenschacht stecken geblieben ist.
Eine Gesellschaft wie die unsrige, in der Sicherungssysteme brüchig geworden sind, fordert mit Vehemenz die Eigenverantwortlichkeit des Einzelnen. Gesund bleiben ist höchste Bürgerpflicht, und dazu gehört eben auch die Obacht auf den Körperumfang - man muss sich bitte schon ein bisschen zusammenreißen, wenn man nicht Gefahr laufen will, im wahrsten Wortsinn als Belastung für die Allgemeinheit angesehen zu werden. Es findet eine Einübung in dasjenige statt, was der französische Sozialtheoretiker Michel Foucault „Technologien des Selbst" genannt hat: seinen Körper durch Disziplinierung in einen haltbaren und für alle zuträglichen Zustand zu bringen. Eine dieser Technologien des Selbst ist die Diät.
Übrigens war das, was wir heute verkürzt Diät nennen, in den antiken Jahren eine schöne ganzheitliche Einübung in das Wohlleben - gemeint ist die Diätetik. Hippokrates hat sie entwickelt, Galen hat sie verfeinert, und sie umschloss die gesamte menschliche Lebensführung von der Nahrung über den Schlaf hin zur Sexualität; man durfte auch, als es noch nach Hippokrates ging und nicht nach Antje-Katrin Kühnemann, durchaus etwas fülliger sein. Das Idealgewicht bemaß maß sich nach dem, was der Einzelne als angenehm empfand und nicht nach dem Body Mass Index. Und wie es aussieht, ich- ist die freie Definition von Idealgewicht nun wieder in den runden Händen der Dicken. Es ist eigentlich ganz wunderbar: Ausgerechnet mitten in der großen Slimline-Epoche fangen die Dicken an, sich richtig schön zu finden.
Anfang der achtziger Jahre handelte sich der Sänger Marius Müller-Westernhagen noch schweren Ärger ein, weil er in einem Lied den Dicken nachsang, sie hätten ständig Blähungen und fänden keine passende Kleidung und - sofern sie männlich waren - keine Frau. Westernhagens Schmähung traf die Dicken ins Herz, denn adipöse Menschen hatten damals keine Lobby, waren nicht vernetzt wie heute und standen ohne jedes pralle Selbstbewusstsein da. Dick hieß krank, dünn gesund. Und dann kamen die Anorektiker und verschoben die Perspektive.
Spätestens als das magersüchtige französische Model Isabelle Caro für ein Plakat posierte, geriet die Schlankheit in argen Verruf. Eine bis auf die Knochen ausgemergelte junge Frau, die aussah wie eine Greisin, stellte sich als noch lebendes Mahnmal eines bis zur Entkörperlichung, gesteigerten Dünnsein-Wahns aus. Damit war der Gegenpol zum Fettsein markiert - nun galt nicht mehr, nur die extreme Körperfülle sei ungesund und abstoßend, sondern auch die radikale Reduktion. Von dieser neuen anthropometrischen Balance profitieren die neuen Dicken.
Das schönste Beispiel dafür ist die sehr dicke Sängerin Beth Ditto, die vom sehr dünnen Couturier Karl Lagerfeld zur Schönheitsgöttin erhoben wurde. Ditto ist 1,55 Meter groß und wiegt 95 Kilo und marschiert in engen Hüllen über die Laufstege - eine kulturelle Anstrengung, die sie aber in Wahrheit nicht zur Stilikone macht, wie Modemagazine schreiben, sondern ihr eher eine Protestnote gibt. Es ist keine Beauty-Behaglichkeit, die Beth Ditto ausstrahlen will; sie ist vielmehr die fleischgewordene Gegenwehr - Dicke sollen endlich in ihrer Dicke akzeptiert werden.


Auch die Dicken definieren sich jetzt



Auch die Dicken definieren sich jetzt nach dem Prinzip Sinnlichkeit.

Deshalb gibt es auch in den USA - dem Land der Bewegungen und Akzeptanzbemühungen - das „fat acceptance movement", das sich schon seit Anfang der siebziger Jahre für mehr Toleranz gegenüber Dicken, insbesondere dicken Frauen einsetzt und zuletzt gewissermaßen die außerparlamentarische Antwort auf den „War on fat" darstellte. Diesen Krieg gegen das Fettsein hatte der damalige US-Präsident George W. Bush 2002 gewissermaßen parallel zum Krieg gegen den Terror ausgerufen. In Lee Daniels neuem Kinofilm „Precious" muss sich die fettleibige Claireece Jones nach oben kämpfen und trotz ihres Leibesumfangs - der ihr das Stigma des Underdogs gibt - ihre Ansprüche geltend machen.
Bis vor kurzem war der Kampf um die Anerkennung der Dicken eher Frauensache; aber weil sich jetzt immer mehr Männer in der allgemeinen Wohlfühlfreude wiederfinden, definieren sich auch die dicken Männer zunehmend über das Prinzip Sinnlichkeit - und wie es aussieht, müssen sie dabei etwas weniger um ihre Anerkennung kämpfen als die Frauen. Vor ein paar Jahren überraschte der Schauspieler und Chansonnier Gustav Peter Wöhler damit, am Ende seiner Gesangsauftritte fast nackt auf der Bühne zu stehen - sein ausladender Körper sollte - nur leicht gedämpft durch Ironie -durchaus als Lustobjekt wahrgenommen werden. Und der Schauspieler Rainer Hunold hat jetzt ein Buch zur Feier des Dickseins geschrieben, das vordem ein etwas angestrengtes Pamphlet gegen die
Schlanken ist. „Schlank", schreibt Hunold, „ist nur eine von vielen Auslegungen eines ästhetischen Wertes." Der Dicke ist also der Profiteur der Postmoderne; zumindest ist der rundum zufriedene Dicke ein weiterer Vertreter jener Minderheiten, die sich in den vergangenen Jahrzehnten von stigmatisierenden Zuschreibungen distanziert haben. Der Bremer Soziologe Friedrich Schorb – Autor des Aufklärungsbuches „Dick, doof und arm?" - sieht die neuen Dicken deshalb auch durchaus in einer Phalanx mit den Schwulen und Lesben, die sich in den vergangenen Jahren so weit emanzipiert haben, dass sie mit Ehe, Bürgerlichkeit und Kindadoptionen vollkommen neue Rollen einnehmen.
Natürlich sind Rainer Hunold, Tine Wittler, Kathi König und Beth Ditto, auch wenn es ironisch klingt, noch zarte Pflänzchen im Garten der neuen dicken Sinnlichkeit. Sicher werden Dicke noch ein paar Jahre Schwierigkeiten haben bei der Wohnungssuche, bei den Krankenkassen und am Arbeitsplatz. Aber von den noch verbliebenen Randgruppen werden die Dicken diejenigen sein, die als Nächste mit geschwellter Brust aus dem Schatten treten werden.



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