Münster. Das Drehkreuz im Supermarkt meint es nicht gut mit Marita Schulze*. Also hebt die resolute 148-Kilo Frau es kurzerhand hoch, um passieren zu können. In vielen Cafes und Restaurants passt Lothar Miekley nicht in die oft genormten Stühle mit Lehne. Besonders übel sei dies im Sommer auf den Terrassen der Lokale. Denn Lothar wiegt stolze 220 Kilo. Beide Münsteraner leiden deutlich unter ihrem Übergewicht, haben Kreislaufprobleme und Bluthochdruck, vor allem bei Hitze und hoher Luftfeuchte. Der arbeitssuchende Internetexperte Miekley ist durch seinen starken Bauch- und Taillenumfang bereits schon von früher 1,82 m Körpergröße auf jetzt 1,76 m geschrumpft. Bereits seit Monaten versucht er bei seiner Krankenkasse grünes Licht für eine operative Magenverkleinerung zu bekommen. Denn er weiß selbst um die Gefahr seines starken Übergewichts. Schwierigkeiten im Alltag gibt es zuhauf. So fand er nach einem Fahrradunfall erst lange kein Krankenhaus, wo man ihn hätte behandeln können. Selbst in der modern eingerichteten Regionalbahn nach Enschede passt er nicht in die Sitze und muss auf unbequeme Notsitze im Gang ausweichen. Auch bei der Jobsuche eckt er öfters an: "Viele Chefs denken, Dicke wären zu oft krank". In die Stadt geht er nur noch selten: "Zu viele Behinderungen, auch im Kino, ja selbst in den Arztpraxen, wenn WC-Türen nur nach innen aufgehen. Hinzu kommen oft sehr nervende Blicke der Dünnen." Gemeinsam mit Marita Schulze ist er Mitglied der Selbsthilfegruppe "Die Pfundigen". Die regelmäßigen Unternehmungen bauen beide auf, stärken ihr Selbstbewusstsein. Über zwei Jahre trafen sie sich zum Schwimmen im Fliedner-Haus, waren unter sich und musste sich nicht schämen wie in einem öffentlichen Schwimmbad, erklärt Lothar. Außerdem seien die öffent-lichen Umkleidekabinen eher "Besenschränke für uns". Doch mit dem Schwimmen im Fliedner-Haus ist für sie jetzt Schluss, da die Kosten deutlich erhöht wurden. Jetzt suchen sie ein neues Bad für ihre gewichtige Gruppe. Auch bei den Krankenkassen würden Sportangebote für dickere Menschen fehlen, monieren beide. Marita war als Teenagerin schlank und ist nach mehreren Schicksalsschlägen "auseinander gegangen". "Diäten helfen in der Regel nicht", erklärte die 47-jährige Hausfrau resignierend, und Bemerkungen wie "Nimm doch mal ab" schlügen gewaltig auf die Psyche. Und gerade die müsste viel mehr gestärkt werden, um nächtliche Futterattacken zu vermeiden. Im Hotel muss sie immer drauf achten ein Zimmer mit großem Badezimmer zu bekommen: "Das sind dann meistens die Zimmer für Behinderte, obwohl wir ja gar nicht behindert sind.." Maritas großes Glück ist ihre Ehe mit ihrem schlanken Partner. Der wiegt nur 80 Kilo. Da möchte sie auch mal hin. Und wer weiß, Liebe versetzt bekanntlich ja auch Berge. Peter Sauer
Kontakt: www.die-pfundigen.de
* Name von Redaktion geändert. Die Frau befürchtet Schmähanrufe am Telefon.
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